Der Stuhl meiner Großeltern: Ein Zeichen des Übergangs
Unser „Zweitzeuge“ Franz-Elias Schneck erzählt hier selbst vom Schicksal seiner Familie
Ich, Franz-Elias Schneck, habe für die Sammlung „Das vergessene Gedächtnis“ neben Ausweisdokumenten meiner Großeltern und Privatbildern auch einen Stuhl unserer Familie als Ausstellungsobjekt an das Dokumentationszentrum Deutscher Sinti und Roma übergeben.
Meine Großeltern waren der im Jahre 1914 geborene Josef Schneck und die im selben Jahr geborene Anna Schneck, geb. Kreuz. Die ersten Lebensjahre meiner beiden Großeltern waren von schweren Kriegsjahren geprägt. Mit fünf Jahren verlor Josef Schneck seinen Vater, welcher als Sinto für das damalige Deutsche Kaiserreich kämpfte, fortan lebte er mit seiner Mutter und ihrer Familie in Magstadt bei Sindelfingen. Er flocht Körbe, Schlingen und Peitschen und musizierte. Familie Kreuz kam als Bärentänzerfamilie von Heilbronn nach Renningen bei Sindelfingen und ließ sich dort über die Wintermonate nieder, um im Sommer wieder auf „Reise“ zu sein.
Ein Stuhl im gemeinsamen Zuhause
Anfang des Jahres 1937 haben meine Großeltern Josef und Anna standesamtlich geheiratet, noch in Stuttgart erblickte ihre älteste Tochter Magdalena Schneck, (von Sinti genannt „Tulma“), das Licht der Welt. Bei vielen Sinti-Familien hat die Frau eine hohe Position innerhalb der Familie, so musste Josef beweisen, dass er würdig ist, Anna zu heiraten und ein Arbeitsjahr für seine Schwiegereltern leisten. Dies tat er, indem er im Straßenbau arbeitete. Immer dabei waren seine Frau und Tochter. Da sie selbst kein Wohnwagen besaßen, waren all ihre Habseligkeiten in einer geflochtenen beigen Scheese verstaut. In den Nächten waren sie auf die Güte der Bauern angewiesen, um in den Bestallungen schlafen zu können.
Mit den ersten Gehältern des Straßenbaus war es ihnen möglich, in der Gemeinde Deilingen-Delkhofen bei Tuttlingen eine Mietwohnung zu beziehen, für die Josef Schneck sogar vier Monatsmieten im Voraus bezahlt hatte. Der damalige Bürgermeister Schätzle hatte mit dem Zuzug der dreiköpfigen Sinti-Familie Schneck in der Gemeinde ein Problem. Er gab ihnen keine Zuzugserlaubnis und ließ sie binnen weniger Tage aus ihrer Mietwohnung werfen. Es war den Dorfältesten der Gemeinde zu verdanken, die ein offenes Herz hatten und sich als Menschenfreunde verstanden, dass unsere Familie ein Haus im Rohbau kaufen konnte. In der Felsenstraße 9, ein Ort, in dem sich zuvor die Hitlerjugend traf, konnten meine Großeltern mit ihren fünf Kindern leben. Eine Gemeinde in deren Umkreis weit und breit keine anderen Sinti lebten. Der Stuhl gehörte zu ihrem ersten Interieur im neuen Eigenheim, das sie in den Jahren weiter ausbauten.
Leben in Angst
Im Zuge der NS-Deportationen aus Württemberg wurden zahlreiche Verwandte zu Zwangsarbeit verpflichtet oder in Konzentrationslager deportiert. So auch die Mutter von Josef Schneck, Louise Schneck geb. Lauster, welche mit der Nummer Z 4700 gebrandmarkt und ermordet wurde – oder die Cousinen meines Vaters.
Meine Großmutter pflegte zu sagen, dass die Dorfältesten sie sehr unterstützt haben. Sie lebten unter ständiger Anspannung. Es gab einige Momente, die sehr gefährlich für das isolierte Leben der Familie hätte sein können. So der Kontakt zu einem entflohenen KZ-Häftling, der Hilfe suchend ans Haus kam und von einem Nachbarn angeschossen wurde. Aber auch der Besuch der Schwester meiner Großmutter, Katharina Kreuz, die bei einem Arzt in Spaichingen verprügelt und verhaftet wurde, stellte eine Gefahr dar. Selbst jede Geburt eines weiteren Kindes steigerte die Gefahr, deportiert zu werden, da somit die Familie in den Fokus der Behörden rückte.
Am 21. April 1945 stürmten bewaffnete Nationalsozialisten das Haus in der Felsenstraße 9. Sie befahlen meinen fünf Tanten und Onkel und meinen Großeltern, einen einzelnen Koffer zu packen. An der Hauptstraße mussten sich alle aufstellen, die Kinder mit dem Vater auf der einen und die Mutter auf der anderen Seite. Ihr Leben hätte enden können, wäre nicht im selben Moment die französische Befreiungsarmee in den Ort gekommen. So ergriffen die Nazis die Flucht – und unsere Familie war frei.
Zwischen Armut und Aufbruch: die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg
Die Nachkriegsjahre der Familie waren geprägt von Armut und Aufbruch. Theresia Schneck (geb.1938-2013), meine Tante, hatte eine Kinderpuppe, welche lediglich ein Scheitelholz mit bemaltem Gesicht war. 1948 erließ das damalige Innenministerium Württemberg-Hohenzollern Anordnungen gegen ein vermeintliches „Zigeunerunwesen“. Die zweite Verfolgung betraf auch die Familie Schneck auf der Schwäbischen Alb. Nach dem Krieg hatten sie einen Wagner im Ort beauftragt, einen Wohnwagen zu bauen. Es war der erste, einzige und letzte Wagen der Familie, den sie wenig später an Verwandte in Burladingen verkauften. Es folgten mehrere Jahre von gerichtlichen Auseinandersetzungen gegen das Amt für Wiedergutmachung. Die Schule war geprägt von rassistischen Diffamierungen, bereits den Kindergarten hatte mein Vater deswegen nur einen einzigen Tag besucht. Josef Schneck stieg beruflich um zum Metallsammeln, Anna Schneck ging wie bisher auch dem Hausierhandel nach und legte dabei an einem Tag oft über 30 km Fußstrecke zurück. 1964 verstarb Josef Schneck im Krankenhaus Rottweil. Als Todesangabe wird „Alkohol Epilepsie“ angeführt. Dabei war mein Großvater keineswegs Alkoholiker – er hatte jahrelang nur Milch und Wasser getrunken, zudem gab es seit 1961 das Medikament Chlordiazepoxid auf dem Markt, das ihm hätte helfen können. Bis heute existieren in der Familie Vermutungen, denen niemals nachgegangen wurde, dass mein Großvater mutmaßlich unter Fremdeinwirkungen verstorben war.
Mit dem Tod ihres Mannes war Anna Schneck als Witwe mit ihren sieben Kindern auf sich alleine gestellt. Bis zu ihrem Lebensende im hohen Alter von 82 Jahren ging sie regelmäßig hausieren. Im Jahre 1996 verstarb sie im Beisein ihrer engsten Familie.
Es war mir besonders wichtig die Ausweisdokumente, Bilder und den Stuhl meiner Familie zu übergeben, da ich der einzige Enkelsohn meiner Großeltern bin, der sich aktiv gegen das Vergessen ihrer Geschichte einsetzt und in vielerlei Bereichen des alltäglichen Lebens die Identität als Sinti bewahren möchte.
Zum Autor Franz-Elias Schneck
Franz-Elias Schneck ist Kulturwissenschaftler und Master-Student. Er ist Gründungsmitglied des Studierendenverbandes Sinti und Roma und forscht zum Thema Antiziganismus. Als Jugendguide der KZ-Gedenkstätte Bisingen hilft er dabei, die Erinnerung an die NS-Zeit lebendig zu halten.
Für unseren Blog gibt uns Franz-Elias Schneck einen Einblick in die Geschichte seiner Familie väterlicherseits, deren Mitglieder als Sinti in der NS-Zeit verfolgt wurden. Momentan recherchiert er für ein eigenes Buch das Schicksal seiner Großeltern, denen der Stuhl gehörte, der nun Teil des Sammlungsvorhabens "Das vergessene Gedächtnis" ist. Einen Ausschnitt aus dem Zeitzeugenvideo finden Sie auf dem Youtube-Kanal des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma.
Sie können Franz-Elias Schneck auch auf seinem eigenen Kanal auf Youtube folgen.