Ein kleiner roter Pass – und seine Bedeutung im Kampf gegen Diskriminierung von Sinti und Roma in Frankreich
Nelly Debart und Alice Januel sind Kämpferinnen. Vielleicht Heldinnen. Auf jeden Fall erfolgreiche Bürgerrechtlerinnen. Jahrelang setzten sich Mutter und Tochter gegen die Verwendung einer Praxis ein, die eine massive Diskriminierung von Sinti und Roma in Frankreich darstellte. Am Ende mit Erfolg. Im Zentrum der Proteste stand ein kleines Ausweisdokument mit rotem Einband. Eines der Exemplare hat Alice dem Projekt „Das vergessene Gedächtnis“ übergeben.
„Und ich habe ihnen gesagt, dass ich die Papiere niemals abstempeln lassen werde. Sie können so oft gegen mich prozessieren, wie sie wollen.“
Das rote Heft ähnelt einem Reisepass. Im Innern findet sich ein Ausweisfoto der betreffenden Person, im Falle unseres Objekts eines von Alice Jaunel. Angegeben werden mussten ferner etwa auch die Größe der Person, der das Dokument gehörte, die Namen der Eltern, der Geburtsort.
Für seine Trägerinnen und Träger stellte das 1969 gesetzlich eingeführte „Carnet de Circulation“ eine große Einschränkung des Alltags dar. Sie mussten das Dokument unter Androhung von Strafe stets mit sich führen und in regelmäßigen Abständen oder beim Erreichen eines neuen Wohn- bzw. Standorts von den Behörden vor Ort abstempeln lassen. Das „Carnet“ war Teil einer Serie von ähnlichen Dokumenten, den sogenannten „Livrets de Circulation“, die als eine Art Identitätsnachweis dienten. Es gab verschiedene Ausführungen, farblich voneinander unterschieden, mit jeweils unterschiedlichen Variationen und Auflagen. Welches der „Livrets“ mitzuführen war, richtete sich danach, ob man feste Einkünfte hatte oder nicht. Bestand eine Festanstellung, oblag die Kontrolle dem jeweiligen Arbeitgeber.
Wurzeln der Diskriminierung
Wurzeln der Vorschriften für Personen, die nicht an einem Ort auf Dauer sesshaft waren, lassen sich auf frühe Gesetze in Frankreich zurückführen, etwa von 1912. Das Misstrauen und die Kontrolle vieler Nationalstaaten in Europa gegenüber Wohnsitzlosen, Ungebundenen, Reisenden ist sogar noch älter – und verbindet sich historisch mit der Verknüpfung von Staatsbürgerschaft und Territorium (vgl. für Frankreich z.B. Filhol 2007). Gerade die Gründung von Nationalstaaten bedingte es, dass Menschen, die aufgrund ihrer Lebensweise als „die Anderen“ galten, kriminalisiert wurden und man ihre statistische „Erfassung“ für erforderlich hielt und vorantrieb.
Das „Carnet de Circulation“ war mit besonders strengen Regeln verbunden: Alle drei Monate mussten seine Trägerinnen und Träger sich auf einer Polizeidienststelle einen Nachweis in Form eines Stempelabdrucks besorgen. Bei Versäumnis oder Missachtung drohten Geld- oder sogar Gefängnisstrafen. Alice Jaunel, Tochter eines Kriegsveteranen und stolze Französin, wollte sich das nicht gefallen lassen. Sie berichtet im Interview für das Projekt „Das vergessene Gedächtnis“ – Ausschnitte daraus sind hier zu hören – über ihren Kampf gegen das „Carnet“:
„Und in diesem Zusammenhang habe ich sogar einen Brief an den Präsidenten der Republik geschrieben, gerade wegen des berüchtigten Carnet de circulation, das man alle drei Monate abstempeln lassen musste. Dass es eine große Diskriminierung ist, weil verurteilte Straftäter auf dem Polizeirevier stempeln gehen und nicht die ehrlichen Leute, die immer gearbeitet haben.“
Der Schmerz der Ausgrenzung
Deutlich wurde im Gespräch auch, dass dies Alice und ihre Tochter Nelly besonders schmerzt, gerade weil sie sich als Patriotinnen sehen. Alices Vater, Nellys Großvater hatte sich im Zweiten Weltkrieg freiwillig verpflichtet, um für sein Land zu kämpfen:
„Er hat die Unterschrift seiner Mutter gefälscht, um sich freiwillig verpflichten zu können, er wollte sein Land verteidigen. Es gibt viele solcher Menschen. Das Einzige war, dass er nicht viel darüber sprach. Selbst diejenigen, die in den Lagern waren. Die Menschen … waren schamhaft, sie redeten nicht viel.“
Ein Objekt, das für den Kampf um Gleichheit steht
Der Kampf gegen die Gängelung durch die Ausweisdokumente war einer, der an zentrale Werte appellierte, welche die Französische Republik offiziell eigentlich vertrat. Bei der Abschaffung des Carnets berief man sich genau darauf: Die Begründung für das Ende der kleinen Büchlein war, dass sie dem Prinzip der Gleichheit aller Bürgerinnen und Bürger widersprachen. Fernand Delage, President der „Association France Liberté Voyage“ sprach hinsichtlich des Endes der Papiere von einem „großen Sieg“. Die Pflicht zum Mitsichtragen derselben wurde endgültig im Jahr 2017 eingestellt.
Das Objekt unserer Sammlung, Alice Jaunels rotes Ausweisdokument, ist also, zum Glück, ein historisches. Das „Carnet de Circulation“ erzählt nicht nur eine Geschichte von Unterdrückung und Unfreiheit – sondern steht auch für die Anerkennung der Menschen- und Bürgerrechte für alle.
Literatur
ASSÉO Henriette (2002): La gendarmerie et l’identification des « nomades » (1870-1914), in Jean-Noël Luc (Hrsg.): Gendarmerie, État et Société au XIXe siècle, Paris, Publications de la Sorbonne, S. 301-311.
AUBIN, Emmanuel (2001): L’évolution du droit français applicable aux Tsiganes. Les quatre logiques du législateur républicain, Études tsiganes, nouvelle série, volume XV, S. 26-56.
DELCLITTE, Christophe (1995): La catégorie juridique « nomade » dans la loi de 1912, in: Hommes & Migrations, 1188-1189, Juin-Juillet, S. 23-30.
Filhol, Emmanuel (2007): La loi de 1912 sur la circulation des « nomades » (Tsiganes) en France, in: Revue Européenne des Migrations Internationales (REMI), 23. Jg, Nr. 2, S. 135-158, https://journals.openedition.org/remi/4179.