Eine kleine Karte als Objekt im Projekt „Das vergessene Gedächtnis“ – und der lange Weg der "Displaced Persons" nach 1945
Hintergrundrecherche zu einer D.P. Index Card
Bei vorliegendem Objekt handelt es sich um eine D.P. Index Card. Sie gehörte der Holocaust-Überlebenden Anna Krems und ist jetzt Teil unseres Sammlungsvorhabens „Das vergessene Gedächtnis“.
Die Karte ist auf Englisch verfasst worden. Auffällig ist die schräg platzierte Anmerkung, dass es sich hierbei um keinen gültigen Pass handelt. Ein Hinweis, der nachträglich hinzugefügt wurde. Es lässt sich vermuten, dass es zuvor, was den Status der Karte betrifft, öfter zu Verwechslungen zwischen den Nutzer*innen und der Verwaltung gekommen war. Aufschluss über den eigentlichen Zweck der Karte liefert der fettgedruckte Begriff „DP Index Card“ am oberen Rand sowie die Anweisung auf der Rückseite, die sich explizit an den/die Kartenbesitzer*in richtet:
Keep this card at all times to assist your safe return home. The Registration Number and your name identify you and your Registration Record.
Zum Begriff "Displaced Persons"
Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges befanden sich mehrere Millionen Menschen unfreiwillig außerhalb ihres Heimatlandes. Die (West-)Alliierten bezeichneten jene Menschen als Displaced Persons (DP). Im Deutschen wurden sie auch häufiger als "entwurzelte Personen" betitelt. Zu ihnen zählten Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter, ehemalige KZ-Insassen und Flüchtlinge.
A long way home: Die Geschichte der Displaced Persons
Nachrichtendienste hatten die bevorstehende Massenflucht zum Ende des Zweiten Weltkriegs schon früh prognostiziert. Deshalb hatte die Registrierung von Displaced Persons durch die Westalliierten bereits 1944 begonnen. Hierdurch sollte eine Störung militärischer Operationen durch die Flüchtlingsströme verhindert werden. Dennoch war das Ausmaß der Bewegungen von Menschen innerhalb Europas sowie der Zustand der Betroffenen im Voraus von den Alliierten häufig unterschätzt worden.
Viele der DPs litten unter gesundheitlichen Problemen, posttraumatischen Belastungsstörungen und mangelnder Ernährung. Sie waren somit auf eine längerfristige Unterstützung angewiesen. Bereits kurz nach Kriegsende, im Mai 1945, war DPs offiziell Schutz durch das SHAEF (Supreme Headquarters, Allied Expeditionary Force) zugesichert worden. So bewachten teilweise ausgebildete Soldaten die sogenannten Assembly Camps. Zunächst wurden die DPs entsprechend ihrer nationalen Zugehörigkeit untergebracht. Später wurden zusätzlich eigene Lager für jüdische DPs errichtet. Die Juden in den Camps bezeichneten sich als Sche’erit Hapleta, „der gerettete Rest“.
Camps zur Unterbringung von "Displaced Persons"
Camps für Displaced Persons wurden in Deutschland u.a. in Krankenhäusern, Industriearbeitersiedlungen und ehemaligen Kasernen errichtet. Es kam jedoch auch vor, dass Gelände von ehemaligen Konzentrationslagern als Unterkunftsort dienten. Innerhalb der Camps gab es neben einer grundlegenden Versorgung die Chance auf schulische Bildung und sogar die Möglichkeit, beruflich ausgebildet zu werden. Mit der Zeit entwickelte sich in vielen Camps auch ein ausgiebiges Freizeitprogramm.
Im Inneren der Camps kümmerten sich Freiwillige und Mitarbeiter*innen von Hilfsorganisationen wie UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration) und IRO (International Refugee Organization) um das Wohlergehen der Menschen. Sie verteilten Kleidung, Lebensmittel und Medizin. Die beiden Organisationen planten und gründeten den späteren ITS (International Tracing Service). Der ITS sollte den Angehörigen die Suche nach verschollenen Familienmitgliedern erleichtern. Bis heute klärt der ITS die Schicksale von vermissten Opfern des NS-Regimes auf.
Besonders DPs wandten sich mit ihren Suchanfragen an den ITS. Gleichzeitig meldeten viele sich freiwillig für die Arbeit dort. Dies war von Vorteil, da einerseits viele Displaced Persons mehrsprachig waren und als Dolmetscher fungieren konnten. Andererseits konnten sie die Situationen der Suchenden aus eigenem Erleben nachempfinden.
Der Registrierungsprozess als "Displaced Person"
Um als DP anerkannt zu werden, mussten sich die Betroffenen registrieren. Der Registrierungsprozess beinhaltete das Ausfüllen mehrere Dokumente, die in DP1, DP2 und DP3 unterteilt wurden.
DP1 Index Card
Die DP1 Index Card bildete die Grundlage für den weiteren Aufnahmeprozess in die Assembly Camps. Gleichzeitig war sie für die DPs notwendig, um ihre Registrierung bei den Behörden belegen zu können. Die Identifikation einer Person erfolgte über die hier vorzufindende Registrationsnummer. Die Nummer war somit individuell und wurde nur einmal vergeben. Da die DP1 von den Betroffenen selbst geführt wurde, sind nur noch wenige Exemplare verfügbar.
DP2 Registration Record
Das DP2-Dokument enthielt die meisten Informationen über eine Person. Es wurde in zweifacher Form ausgestellt und diente somit nicht nur den Betroffenen selbst, sondern auch dem Suchsystem des ITS. So konnten etwa verschollene Familienmitglieder ausfindig gemacht werden.
DP3 Assembly Center and Registration Card
Es war nicht unüblich, dass die DPs in andere Camps aus logistischen Gründen in andere Camps verlegt wurden. Bei der Ankunft in einem neuen Camp wurde die DP3 Card von Hilfspersonal ausgefüllt. Beim Ausstellen der Karte bezogen sie sich auf die angegeben Informationen im DP2-Dokument.
Die Registrierung als DP wurde nicht jedem gestattet. Personen, die eine deutsche Staatsangehörigkeit besaßen, durften den Status als DPs nur dann beantragen, wenn sie nachweislich vom Terrorregime der Nationalsozialisten unterdrückt und verfolgt worden waren. Deutsche Flüchtlinge und Verfolgte waren von dieser Bestimmung ausgeschlossen. Ihnen blieb somit der Status DP verwehrt.
“The great difficulty is that so many of these persons have no homes to which they may return. The immensity of the problem of displaced person is almost beyond comprehension.”
Rückführungen und neue Heimat(en)? "Displaced Persons" nach 1945
Neben der Versorgung von DPs und der Zusammenführung von Familien lag die Priorität der Alliierten auf der schnellstmöglichen Rückführung der Menschen in ihre Heimatländer. Dabei handelte es sich um eine immense logistische Herausforderung, für die es kein Vorbild gab. Trotz der bevorstehenden Schwierigkeiten wurden bereits im Mai und Juni 1945 pro Tag 80000 Menschen zurückgeführt.
Bis 1946 waren bereits mehrere Millionen Menschen repatriiert worden. Dennoch lebten weiterhin 915000 DPs in den westlichen Besatzungszonen. Eine (Re-)Emigration war für viele Betroffene erst zu Beginn der 1950er Jahre möglich. Für 200000 DPs wurden die Assembly Camps schließlich zur dauerhaften Heimat. Eine Auswanderung war für sie aufgrund gesundheitlicher oder beruflicher Gründe ausgeschlossen.
Einige DPs entschieden sich auch gegen eine Rückkehr in ihre Ursprungsländer. Hierzu zählten vor allem Osteuropäer und Juden. Sie fürchteten sich vor den neuen Machtverhältnissen in ihren Ländern oder einer anhaltenden Diskriminierung. Besonders ehemalige Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion und der Ukraine befürchteten, in ihrer Heimat als Komplizen der Deutschen beschuldigt und inhaftiert zu werden. Die stalinistische Sowjetunion bestand jedoch auf eine Rückführung, die häufig nur unter Zwang vollzogen werden konnte.
Anfang 1946 legten die Vereinten Nationen fest, dass eine Rückführung von Personen gegen ihren Willen nicht erzwungen werden dürfte. Vielen ehemaligen Displaced Persons konnte nun ein Neustart in Ländern wie den USA, Australien oder Kanada ermöglicht werden. Viele jüdische Überlebende orientierten sich jedoch Richtung Osten, um bei der Errichtung des israelischen Staats zu helfen.
Die Familie Krems, deportiert von den Nationalsozialisten
Anna Krems wurde im Jahr 1925 in Krunnausbaum geboren. Die Familie war katholisch und lebte zuletzt in Salzburg. Vor ihrer Verschleppung durch die Nationalsozialisten war Anna als Köchin tätig gewesen. Zum Zeitpunkt ihrer Festnahme war sie ledig und kinderlos.
Aufgrund ihrer Abstammung wurde sie von den Nationalsozialisten unter menschenverachtenden Kategorisierungen im April 1943 von der Kriminalpolizei verhaftet.
Nach ihrer Verschleppung wurde Anna Krems in ein Sammellager verbracht und von dort aus in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Als Kennzeichnung mussten Sinti und Roma den schwarzen Winkel, später einen braunen, tragen.
Im April 1944 wurde Anna in das Frauen-KZ Ravensbrück überstellt. Es ist wahrscheinlich, dass sie hier Zwangsarbeit verrichten musste. Am 13. September 1944 gelangte sie schließlich in das KZ Buchenwald, wo sie vermutlich von den Alliierten befreit und in ein Lager für DPs gebracht wurde.
Nach Durchsicht der verfügbaren Quellen ist zu vermuten, dass die gesamte Familie Krems von den Nationalsozialisten deportiert wurde. So findet sich ein Eintrag für ihre gleichnamige Mutter in den Akten des KZ Ravensbrück. Über den Vater [Ed]uard gibt es keine bekannten Aufzeichnungen. Als ein weiteres Familienmitglied wird Maria Krems genannt, die genauen Verwandtschaftsverhältnisse sind nicht bekannt. Auch sie wurde aufgrund von antiziganistischen Maßnahmen deportiert und im KZ Ravensbrück festgehalten.
Eine Index Card als museales Objekt
Die auf der DP1 Index Card vermerkten Daten waren entscheidend für die Rückführung von sogenannten Displaced Persons an Ende des Zweiten Weltkriegs. Durch die angegebene Registrierungsnummer gelang es vielen Menschen, ihre verschollenen Angehörigen wiederzufinden. Damit stellt die Karte ein wichtiges Objekt in der Verfolgungsgeschichte von Opfergruppen des Nationalsozialismus dar.
Für die Opfer des Nationalsozialismus markierte sie eine Übergangsphase zwischen dem vergangenem Leidensdruck und der Chance auf ein neues Leben in Freiheit. Die Karte steht symbolisch für die Überlebenden des Naziregimes und ist damit eine wichtige Ergänzung in unserem Sammlungsprojekt.
Kontakt
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Literatur:
Arolsen Archives, online: https://eguide.arolsen-archives.org/en/archive/details/dp-2-card/ [04.09.2024].
Arolsen Archives, online: Arolsen Archives Background Information on Displaced persons documents [04.09.2024].
Boehling, Rebecca (Hrsg.): Freilegungen. Displaced persons; Leben im Transit: Überlebende zwischen Repatriierung, Rehabilitation und Neuanfang (Jahrbuch des International Tracing Service 3), Göttingen 2014.
Diercks, Herbert (Hrsg.): Zwischenräume. Displaced Persons, Internierte und Flüchtlinge in ehemaligen Konzentrationslagern (Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland 12), Bremen 2010.
Nasaw, David: The last million. Europe's Displaced Persons from World War to Cold War, New York 2020.
Šišić, Alyn [u.a.] (Hrsg.): NS-Verfolgte nach der Befreiung. Ausgrenzungserfahrungen und Neubeginn (Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung 3), Göttingen 2022.
Wetzel, Julian: Jüdische Displaced Persons. Holocaustüberlebende zwischen Flucht und Neubeginn [2017], online: Holocaustüberlebende zwischen Flucht und Neubeginn [20.09.2024].