Glossar

Unser Glossar wächst stetig. Er ist nicht perfekt. Wir freuen uns über jeden Hinweis, um diese Wortsammlung zu erweitern.

Veröffentlicht von Alexander Cramer, politischer Referent (Zentralrat Deutscher Sinti und Roma) und Vera Tönsfeldt, Projektleitung "Das vergessene Gedächtnis"
Großes A auf hellgrünem Hintergrund

Antiromaismus

Der Antiromaismus wird teilweise als Alternative zum geläufigeren Begriff Antiziganismus (siehe Antiziganismus) verwendet, da er nicht von der rassistischen Fremdbezeichnung „Zigeuner“ abgeleitet ist, sondern die Eigenbezeichnung Roma beinhaltet. Durch den Begriff liegt der Fokus allerdings ausschließlich auf Roma, während andere betroffene Gruppen außen vor bleiben. Dadurch wird Roma eine Homogenität zugeschirben, die so nicht existiert.

Antiziganismus

Der Begriff Antiziganismus leitet sich von der rassistischen Fremdbezeichnung ab und beschreibt die spezifische Form des Rassismus bzw. die Vorurteilsstruktur gegenüber Sinti und Roma oder Menschen, die für diese gehalten werden. Der Begriff antitsyganizm wurde erstmals in den 1920er-Jahren in der damaligen Sowjetunion verwendet und fand erneut in wissenschaftliche Debatten der 1970er und 1980er Eingang. Er beschreibt sowohl die Bilder und Vorurteile, die in der sog. Mehrheitsgesellschaft (siehe Mehrheitsgesellschaft) über Sinti und Roma verbreitet sind, als auch die diskriminierenden und ausgrenzenden Äußerungen und Handlungen bis hin zur Verfolgung unter dem NS-Regime, der schließlich in dem Holocaust an 500.000 Angehörigen der Minderheit in Europa gipfelte.

Die Wirkungsweise von Antiziganismus liegt hierbei in einer Homogenisierung, Stigmatisierung und Abwertung von Sinti und Roma, indem ihnen abweichende, veraltete oder auch romantisierende Eigenschaften zugeschrieben werden. Zu den Folgen zählen gesellschaftliche, staatliche und institutionelle Benachteiligung in Bereichen wie Bildung, Arbeit, Gesundheit und Wohnen bis hin zu physischer Gewalt.

Antiziganismus manifestiert sich in individuellen Äußerungen und Handlungen sowie institutionellen Politiken und Praktiken der Marginalisierung, Ausgrenzung, physischen Gewalt, Herabwürdigung von Kulturen und Lebensweisen von Sinti und Roma sowie Hassreden, die gegen Sinti und Roma sowie andere Einzelpersonen oder Gruppen gerichtet sind, die zur Zeit des Nationalsozialismus und noch heute als Zigeuner wahrgenommen, stigmatisiert oder verfolgt wurden bzw. werden. Dies führt dazu, dass Sinti und Roma als eine Gruppe vermeintlich Fremder behandelt werden und ihnen eine Reihe negativer Stereotypen und verzerrter Darstellungen zugeordnet wird, die eine bestimmte Form des Rassismus darstellen.

Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma und das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma verwenden ausschließlich und bewusst den Begriff Antiziganismus, um die Grundlage der Diskriminierung in rassistischen Fremdzuschreibungen wie auch dem Fremdbegriff zu verorten.

Großes B auf hellgrünem Hintergrund

Bekenntnisfreiheit

Die Bekenntnisfreiheit ist im Rahmenübereinkommen der EU zum Schutz nationaler Minderheiten festgeschrieben. Sie garantiert allen Angehörigen der Minderheiten das Recht, selbst zu wählen, ob sie sich einer Minderheit zugehörig fühlen oder nicht. Die Bekenntnisfreiheit wirkt essenzialisierenden und generalisierenden Zuschreibungen entgegen und sichert die individuelle Entscheidungsfreiheit.

Ethnomarketing

Ethnomarketing bezeichnet eine dezidierte Zielgruppenansprache in der Werbung, die sich speziell an diejenigen richtet, die nicht der angenommenen Mehrheitsgesellschaft [Querverweis] angehören. Dabei werden vermeintliche Charakteristika der angesprochenen Gruppen betont, mithin oftmals Stereotype reproduziert. Die Ansprache ist regelmäßig homogenisierend und essenzialisierend und wird daher von zahlreichen Selbstorganisationen und Vertreter*innen der Minderheiten kritisch gesehen.

Weiterführende Literatur

Halter, Marilyn: Shopping for Identity, New York 2000, p. 20.

Großes G auf hellgrünem Hintergrund

Gadjé & Gadjé-Rassismus

Gadjé ist der Romanes-Begriff für Nicht-Roma. Gadjé-Rassismus wird als Synonym und/oderKonkurrenzbegriff zu Antiziganismus (siehe Antiziganismus) und Antiromaismus (siehe Antiromaismus) verwendet. Er betont, dass Rassismus von der sog. Mehrheitsgesellschaft gegen Sinti und Roma ausgeht. Anders als beim Begriff Antiziganismus wird auf die Urheber*innen des Rassismus verwiesen. Es geht um einen Rassismus, der von Nicht-Sinti und Roma gegen Sinti und Roma gerichtet ist. Der Begriff Gadjé-Rassismus verwässert jedoch die Kontinuitätslinien des Antiziganismus - der Abwertung des diskursiven Stereotyps/des Fremdbildes.

Aus der Minderheit wird der Begriff zu Teilen abgelehnt. Er betone Ungleichheit und die Dichotomie zwischen Gadjé und Nicht-Gadjé. Somit sei der Begriff für eine gemeinsame Arbeit gegen Antiziganismus nicht zielführend.

Weiterhin Begriff in Deutschland auch von der sog. Mehrheitsgesellschaft auch von migrantischen oder migrantisiert gelesenen Personen kritisiert: Da der Gadjé-Begriff alle Menschen betrifft, die keine Angehörigen der Minderheit sind. Entsprechend betrifft er auch die Menschen, die selbst von Rassismus betroffen sind. In der Argumentation wird angegeben, dass der Begriff Gadjé-Rassismus gemeinsame und antirassitische Arbeit störe.

Sowohl der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma als auch das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma verwenden die Bezeichnung aus den o.g. Gründen nicht und spricht stattdessen von Antiziganismus, um hiermit den Fortbestand von ablehnenden Klischees aufzuzeigen.

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit

Unter gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit wird die Diskriminierung von Menschen auf Grundlage eines zugeschriebenen Merkmals verstanden.

Bereits in den 1950er-Jahren wurde der Begriff im US-Amerikanischen Raum geprägt und wird seit den 1970er-Jahren auch im deutschsprachigen Raum verwendet. Erst seit den 2010er-Jahren wird er aber stärker diskutiert.

Die Merkmale, die bei der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit zu tragen kommen, werden Personen willkürlich zugeschrieben. Das zugeschriebene Merkmal dient dazu, Personen als eine homogene Gruppe betrachten zu können. Die Individualität der in ihnen versammelten Personen wird dabei weder berücksichtigt, noch wahrgenommen.

Der Terminus beschreibt Täter*innenhandeln und -perspektive: Es gibt für die Menschen, die unter der gruppenbezogenen Menschfeindlichkeit leiden, keine individuellen Möglichkeiten, dem auf sie projizierten Hass zu entkommen.

Häufig tritt gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit nicht allein gegen eine Gruppe auf. Meistens geht sie Hand in Hand mit der feindlichkeit gegen andere Personengruppen.

Eine Tatsache, derer wir uns ziemlich sicher sind, ist die, dass Menschen, die eine Außenseitergruppe ablehnen, auch dazu tendieren, andere Außenseitergruppen abzulehnen. Wenn jemand gegen Juden eingestellt ist, ist er es wahrscheinlich auch gegen Katholiken, Schwarze und jede beliebige andere Außenseitergruppe
W. Allport Goden, 1954

Weiterführende Literatur

Allport Gordon, W.: The nature of prejudice. Cambridge, MA: Perseus Books, 1954.

-Bundeszentrale für politische Bildung

-Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg

Großes H auf hellgrünem Hintergund

Hasskriminalität

Wenn Gewalt oder Straftaten auch durch gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (siehe gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit) motiviert sind und Opfer aufgrund von Antiziganismus (siehe Antiziganismus), Antisemitismus, Rassismus, Sexismus, Ableismus, etc. ausgewählt werden, spricht man von Hasskriminalität. Der Begriff hate crime wurde ursprünglich im Englischen geprägt und hat u. a. in Großbritannien auch strafrechtliche Relevanz.

In Deutschland wird Hasskriminalität teilweise in der polizeilichen Kriminalstatistik unter politisch motivierter Kriminalität aufgeführt und spielt im Kontext des § 130 StGB (Volksverhetzung) eine Rolle, ist darüber hinaus aber keine juristische Kategorie.

Holocaust

Der Holocaust bezeichnet nicht nur die Ermordung von sechs Millionen Jüdinnen und Juden (Shoah), sondern auch die Ermordung von 500.000 Sinti und Roma. Mit der begrifflichen Integration der Minderheit der Sinti und Roma wird die Gemeinsamkeit der nationalsozialistischen Verfolgung, Enteignung und Ermordung aus dezidiert rassistischen Motiven betont.

Holocaust - die gemeinsame Verfolgung von Jüdinnen und Juden sowie Sinti und Roma im Nationalsozialismus

Zahlreiche Institutionen wie der Zentralrat der Juden betonen die gemeinsame Verbundenheit und sprechen vom Holocaust an Sinti und Roma.

Rede des Zentralratsvorsitzenden Dr. Josef Schuster angesichts des Europäischen Holocaust-Gedenktags für Sinti und Roma 2020

Großes I auf hellgrünem Hintergrund

Intersektionalität

Der Begriff Intersektionalität wurde Ende der 1970er von der afroamerikanischen Juristin und Aktivistin Kimberlé Crenshaw und dem Combahee River Collective geprägt und beschreibt die Überschneidung unterschiedlicher Diskriminierungsformen (abgeleitet von engl. Intersection, Kreuzung), etwa Race und Gender.

Sinti und Roma erfahren in Deutschland zahlreiche Formen von Diskriminierung, auch aus intersektionaler Perspektive, etwa als Angehörige der Minderheit, nicht-weiß/ deutsch gelesene Menschen und durch die Zugehörigkeit zu einer sozioökonomisch deprivierten Klasse.

Großes K auf grünem Hintergrund

Kindesentzug / Kindeswegnahme

Die Kindeswegnahme, also die erzwungene Trennung von Roma-Kindern von ihren Eltern war in der Frühen Neuzeit in Europa verbreitet. Insbesondere unter den Herrscher*innen von Österreich-Ungarn im 18. Jahrhundert, Maria Theresia und Joseph II., wurden mehrere hundert Kinder ab vier Jahren von ihren Eltern getrennt und in anderen Herrschaften bei Pflegefamilien untergebracht. Sprache und Kultur der Roma wurden insgesamt bekämpft.

Bis in die jüngere Vergangenheit wurde die Praxis in der Schweiz vor allem gegen die Jenischen fortgesetzt, um die „fahrende Lebensweise“ zu bekämpfen. Ab 1926 existierte eine eigene Stiftung, die die Assimilation der Jenischen erzwingen sollte und dazu vor allem Kinder in Heimen, Pflegefamilien und Anstalten unterbrachte. Erst nach massivem medialen Druck stellte die Stiftung 1973 ihre Arbeit ein und Selbstorganisationen der Jenischen begannen, für Entschädigung zu streiten.

Noch 2013 sorgten Fälle von erzwungener Kindeswegnahme in Irland für scharfe Kritik von Roma-Organisationen, nachdem blonde Kinder in staatliche Obhut genommen wurden, die sich von ihren Eltern äußerlich unterschieden. Hier zeigte sich einerseits die Wirkmächtigkeit des antiziganistischen Klischees des Kindesraubs, andererseits rassistisch tradierte Vorurteile, die sich an der äußeren Erscheinung der Menschen festmachen.

Großes P auf hellgrünem Hintergund

Po(r)rajmos

 

Der Begriff Por(r)ajmos wurde Anfang der 1990er vom US-amerikanischen Aktivisten und Romanes-Linguisten Ian Hancock geprägt. Der Begriff markiert den Versuch, einen eigenen Terminus für den Holocaust (siehe Holocaust) an Sinti und Roma zu finden. Dieser soll analog zum Begriff Shoah stehen.

In der Wissenschaft und Öffentlichkeit wird Por(r)ajmos breit verwendet, viele Muttersprachler*innen kritisieren ihn allerdings, da der Begriff sich nicht nur mit „Verschlingen“ übersetzen lässt. Der Begriff enthält auch eine explizit sexuelle Konnotationen. Metaphorisch kann Por(r)ajmos gar als Beschreibung für sexuelle bzw. sexualisierte Gewalt verstanden werden. Der Romanes-Begriff Samudaripen (wörtlich: „Alle wurden getötet“) (siehe Samudaripen) wird von vielen Aktivist*innen aus der Minderheit bevorzugt, setzt sich aber nur langsam durch.

Weiterführende Literatur

Ari Joszkowicz, Rain of Ash. Roma, Jews and the Holocaust, Princeton 2023, S. 20.

Großes S auf grünem Hintergrund

Sklaverei

In Bulgarien und besonders Rumänien lebten Roma über Jahrhunderte in Sklaverei, im "rumänischen Altreich" (Moldau, Walachei, Dobrudscha) bis 1855/56. Sie wurden von Fürsten und hohen Adligen als Hofnärr*innen und Musiker*innen versklavt und teilweise als Bewahrer*innen der populären rumänischen Kultur romantisiert. Eingeführt wurde der Hofnarr in der Walachei von Petru Cercel, der 1583 an die Macht gelangte.

Die Sklaverei als solche wurde nie thematisiert, geschweige denn aufgearbeitet und einzelne Aspekte sind bis heute in der Mehrheitsgesellschaft romantisiert. Vorurteile, die auch aus der Geschichte der Sklaverei resultieren, beeinflussen die Lage von Roma in der Region bis heute negativ.

Weitere Informationen und Quellen

RomArchive

Großes V auf hellgrünem Hintergund

Völkermord an den Sinti und Roma

(siehe Holocaust)

Großes Z auf hellgrünem Hintergund

Zweite Verfolgung

Die Verfolgung und Ausgrenzung der Sinti und Roma ging nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs weiter. Antiziganismus blieb gesellschaftlich breit akzeptiert und viele Nationalsozialisten, teilweise aus Führungspositionen, wie z.B. Richter, hohe Verwaltungsbeamte, Polizisten, politische Berater*innen/ Politiker aber auch Lehrkräfte und medizinisches Fachpersonal, kehrten in ihre Positionen zurück. In diesen Positionen verschwiegen sie einerseits den Holocaust an Sinti und Roma, andererseits tradierten sie die rassistischen Ideologien und antiziganistischen Überzeugungen der Nazi-Zeit weiterhin. Holocaustüberlebende waren bei ihrem Kampf um Entschädigung mit den gleichen Verwaltungsangestellten konfrontiert, die ihre Verfolgung und Deportation organisiert hatten. Dieser, im Nationalsozialismus mörderische und weiter tradierte, Antiziganismus und seine Konsequenzen werden als zweite Verfolgung bezeichnet.

Der inzwischen anerkannte und feststehenede Begriff Zweite Verfolgung verdeutlicht, dass auch lange nach 1945 weder Entschädigungsleistungen zugestanden oder eine dezidierte (juristische ) Aufarbeitung zu Gunsten der Sinti und Roma in Deutschland stattgefunden hat.

Erst seit der Anerkennung des Holocausts an Sinti und Roma durch Helmut Schmidt im Jahr 1982 kommt es (sehr langsam) zur politischen Aufarbeitung. Diese dauert bis heute an - einige Aktivist*innen sprechen davon, dass die Zweite Verfolgung bis heute andauere.

„Behörden, Polizei und Justiz diskriminierten, stigmatisierten oder kriminalisieren Angehörige der Minderheit; in Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit wurde der Völkermord an den Sinti und Roma verschwiegen, verleugnet oder verdrängt; Ansprüche auf Entschädigung wurden lange, viel zu lange nicht anerkannt.“
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, 2022