Protest und Erinnerung. Der Hungerstreik in Dachau 1980 und die Entstehung der Bürgerrechtsbewegung von Rom_nja und Sinti_ze
Gastbeitrag von Daniela Gress, Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsstelle Antiziganismus am Historischen Seminar der Universität Heidelberg
Vor 40 Jahren, an Ostern 1980, wurde die KZ-Gedenkstätte Dachau zum Schauplatz einer aufsehenerregenden Protestaktion: Elf Sinti und eine Sozialarbeiterin traten in einen unbefristeten Hungerstreik, um auf die Diskriminierung von Rom_nja und Sinti_ze in der Bundesrepublik aufmerksam zu machen. Sie protestierten insbesondere gegen die jahrzehntelange rassistische Praxis bayerischer Polizeibehörden und erinnerten an die Opfer des nationalsozialistischen Völkermords an der Minderheit – ein Massenverbrechen, dessen Anerkennung Staat und Gesellschaft bis dahin verweigert hatten.
Unter den Streikenden befanden sich auch vier Überlebende des Völkermords: Jakob Bamberger, Franz Wirbel, Hans Braun und Ranko Brantner. Drei von ihnen trugen zum Auftakt des Streiks gestreifte Häftlingskleidung, um ihren Status als NS-Verfolgte hervorzuheben. Der moralische Aspekt ihrer Teilnahme am Hungerstreik zeigte sich somit schon visuell. Vor dem Hintergrund ihrer Verfolgungsgeschichte gingen sie eine enorme psychische Belastung ein. Aber auch die anderen Sinti stießen an ihre körperlichen und emotionalen Grenzen. Nach Tagen des Hungerns wurde ihr Gesundheitszustand immer bedrohlicher. Sichtlich geschwächt klagten sie über Kopfschmerzen und Kreislaufprobleme; ihr Aufenthaltsraum in der Versöhnungskirche auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte glich immer mehr einem Krankenlager. Zwei Teilnehmer mussten schließlich im Krankenhaus ärztlich behandelt werden. Ranco Brantner erlitt sogar eine Herzattacke. Kurz vor dem physischen Zusammenbruch stehend betonten alle Beteiligten ihren unbedingten Durchhaltewillen.
Einleitung neuer medialer Perspektiven auf Rom_nja und Sinti_ze
Insgesamt hungerten die Sinti acht Tage lang. Über 100 Journalisten aus dem In- und Ausland berichteten täglich von ihrer Demonstration. Das Ereignis entwickelte sich zu einem Medienereignis unvorhergesehenen Ausmaßes. Aktivisten des Verbandes Deutscher Sinti und der Gesellschaft für bedrohte Völker hatten das öffentliche Echo sorgsam vorbereitet mit Publikationen, Presseerklärungen und seitenlangen Informationsmappen. Öffentlichkeitswirksam wiesen die Demonstranten darauf hin, dass der Umgang bayerischer Behörden mit Rom_nja und Sinti_ze jahrelang gegen das Grundgesetz verstoßen hatte und deckten zahlreiche Kontinuitäten zur NS-Verfolgungsgeschichte auf. So waren nach 1945 mehrere Beamte, die an der NS-Verfolgung der Minderheit beteiligt gewesen waren, in den bayerischen Polizeiapparat zurückgekehrt. Trotz ihrer NS-Belastung hatten zahlreiche Entschädigungsbehörden sie dazu aufgefordert, Gutachten über Antragsteller aus der Minderheit zu verfassen – diese diffamierten die Betroffenen meist als „Kriminelle“ und verhinderten viele Wiedergutmachungsleistungen. Bundesweit – und besonders massiv in Bayern – setzte die Kriminalpolizei die bereits im Kaiserreich begonnene ethnische Sondererfassung von Rom_nja und Sinti_ze fort. Die zwischen 1953 und 1970 geltende „Landfahrerordnung“ hatte die bayerische Polizei dazu ermächtigt, die Bewegungsfreiheit von Minderheitsangehörigen stark einzuschränken und bereits kleinste Normverstöße scharf zu sanktionieren.
Erzeugung von Empathie für die von Antiziganismus Betroffenen
Die Hungerstreikenden skandalisierten diesen Nachkriegsrassismus deutscher Behörden. Zahlreiche Zeitungsartikel ergriffen Partei für die Minderheit. Entsetzt resümierte die International Herald Tribune, dass die KZ-Gedenkstätte Dachau angesichts der anhaltenden Diskriminierung nicht mehr nur ein Symbol des NS-Terrorregimes sei, sondern auch „embarrassing reminder of the intolerant present“[1]. Da die Streikenden betonten, dass sich der Protest nicht gegen die deutsche Bevölkerung im Kollektiven richte, „sondern gegen die öffentlichen Ämter, die heute noch die Sintis erniedrigen und demütigen“,[2] sicherten sie sich den Beistand einer breiten Öffentlichkeit. Sympathisanten organisierten Demonstrationen in Dachau, München und Hamburg. Weitere Unterstützung kam von Vertretern der SPD, FDP und den Grünen. Persönlichkeiten wie der spätere Papst Kardinal Joseph Ratzinger, Heinrich Böll, Rudolf Augstein, Daniel Cohn-Bendit, Yehudi Menuhin, Yul Brunner und sogar Bundesjustizminister Hans-Jochen Vogel solidarisierten sich mit den Sinti. Darüber hinaus offenbarte sich der Protest auch musikalisch: Das aus dem Sinto Tornado Rosenberg und dem Rom Rudko Kawczynski bestehende „Duo-Z“ hungerte für kurze Zeit mit den Streikenden und gab einige seiner provokativ-politischen Stücke zum Besten. Aus der Ferne widmete der Liedermacher Wolf Biermann den Sinti sein „Schlaflied für Tanepen“.
Enttäuschende politische Reaktionen
Nach tagelangen Verhandlungen mit dem Streiksprecher Romani Rose räumte die bayerische Regierung öffentlich ein, dass antiziganistische Vorurteile und Diskriminierungen künftig abgebaut werden müssten. Die versprochene Aufklärung über den Verbleib der Akten der ehemaligen bayerischen „Landfahrerzentrale“ wurde jedoch nicht eingelöst. Landesinnenminister Gerold Tandler behauptete beharrlich, dass alle Dokumente in den siebziger Jahren vernichtet worden seien. Dem Verdacht der Hungerstreikenden, dass sich in bayerischen Polizeibeständen auch Akten aus der NS-Zeit befunden hätten, könne nicht mehr nachgegangen werden. Allerdings ergaben spätere Recherchen der Aktivisten, dass die ehemalige „Landfahrerzentrale“ bereits zu Gründungszeiten zahlreiche Akten der ehemaligen Rassenhygienischen Forschungsstelle übernommen und Anfang der sechziger Jahre an Wissenschaftler, die in der Tradition der NS-Rassenforschung standen, gegeben hatte. Mit einer weiteren Protestaktion, der Besetzung des Tübinger Universitätsarchivs im September 1981, konnte ein Teil der verschollenen Akten in das Bundesarchiv überführt werden.[3]
Katalysator für die Selbstorganisation von Rom_nja und Sinti_ze
Doch für was steht der Hungerstreik 40 Jahre später und warum sollte heute an ihn erinnert werden? Obwohl die Aufklärungsversprechen der bayerischen Regierung Lippenbekenntnisse blieben, war die Demonstration ein wichtiges Gründungsereignis der Bürgerrechtsbewegung von Rom_nja und Sinti_ze. Zahlreiche Minderheitsangehörige reisten nach Dachau, um dem Protest vor Ort beizuwohnen; andere Familien sahen sich ermutigt, über Ostern zu Hause zu fasten. Die Medienpräsenz um den Protest entfaltete ein großes Mobilisierungspotential innerhalb der Minderheit. Rasch gründeten sich weitere lokale und regionale Vereine, die sich zu einer politischen Bewegung formierten, aus der 1982 der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma hervorging. Bis heute vertritt der Verband die Belange der deutschen Rom_nja und Sinti_ze auf nationaler Ebene. Der Protestakt platzierte Rom_nja und Sinti_ze im öffentlichen Diskurs als selbstbewusste politische Akteure. Gleichzeitig schlugen die Minderheitenvertreter mit der Demonstration ein neues Kapitel in der deutschen Demokratiegeschichte auf: Die bislang marginalisierte Gruppe forderte nun öffentlichkeitswirksam jene Rechte ein, die ihr der liberale Rechtsstaat versagte.
Darüber hinaus war der Hungerstreik ein Schlüsselereignis für die politische Anerkennung des NS-Völkermords. Nur zwei Jahre nach dem Hungerstreik bekannte Bundeskanzler Helmut Schmidt erstmals, dass die Bundesregierung zur moralischen Wiedergutmachung gegenüber der Minderheit verpflichtet sei. Langfristig stieß die Bürgerrechtsbewegung damit einen Bewusstseinswandel in der politischen Kultur der Bundesrepublik an. So ist das Gedenken an die von den Nationalsozialisten ermordeten Rom_nja und Sinti_ze mittlerweile fest integriert in der bundesdeutschen Gedenkstätten- und Denkmallandschaft. Über das Jahr 1980 hinaus nutzten Selbstorganisationen von Rom_nja und Sinti_ze die Symbolik von KZ-Gedenkstätten für mehrere weitere Proteste. Dachau war nur der Auftakt für einen Selbstermächtigungsprozess gegen Antiziganismus – dies kann auch heutigen Empowerment-Initiativen Hoffnung machen.
Zur Autorin:
Daniela Gress ist Historikerin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Forschungsstelle Antiziganismus an der Universität Heidelberg. Sie studierte Neuere Geschichte und Zeitgeschichte sowie Kulturwissenschaften an den Universitäten Karlsruhe und Heidelberg. Ihre Masterarbeit wurde 2013 mit dem Integrationsforschungspreis des Ministeriums für Integration Baden-Württemberg ausgezeichnet. In ihrem Promotionsprojekt untersucht Daniela Gress Bürger- und Menschenrechtsaktivismus von Sinti und Roma in der Bundesrepublik Deutschland.
[1] John Dornberg, German Gypsies seek Justice, International Herald Tribune, 5./6.4.1980.
[2] Romani Rose, zit. n. Frank Marius, Sinti Yul Brunner fastete auch, Abendzeitung, 8.4.1980.
[3] Der Bestand ist heute unter der Signatur R 165 im Bundesarchiv zugänglich