Sammeln und Bewahren ist politische Praxis

Tagungsbericht und die Bedeutung für das Projekt „Das vergessene Gedächtnis“ – Wir sind nicht allein – die Geschichte von Sinti und Roma wird in ganz Europa gesammelt – aus gutem Grund!

Veröffentlicht von Vera Tönsfeldt, Projektleiterin „Das vergessene Gedächtnis“

In Krakau fand am 31. Juli und 1. August 2024 die internationale Konferenz mit dem Titel „My testimony is for young people“ statt. Sie leitete die Gedenkfeierlichkeiten für den 80. Jahrestag der Ermordung der letzten Gefangenen in Lagerblock B II e in Auschwitz-Birkenau ein.

Am 2. August 1944 waren bei der sogenannten „Liquidation“ in Auschwitz-Birkenau etwa 4.300 Menschen ermordet worden. Die meisten dieser Opfer waren Sinti und Roma, die in den Gaskammern des Konzentrationslagers getötet wurden. Dieser Tag wird heute als „European Holocaust Memorial Day for Sinti and Roma“ in Erinnerung an die im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Sinti und Roma begangen.

Wir vom Team „Das vergessene Gedächtnis“ waren dabei.

Die Veranstaltung im Auditorium Maximum der Universität Krakau brachte am 31.Juli, dem Abend der Eröffnung, Teilnehmer:innen aus verschiedenen Ländern zusammen, um die Bedeutung der Weitergabe von Erinnerungen und Werten an die jüngere Generation zu diskutieren. Die moderierte Eröffnungsveranstaltung glich einer würdigen Gala, während derer junge Aktivist:innen Zitate von Holocaustüberlebenden vortrugen. Der Künstler Emanuel Barrica schuf während eines Zeitzeugen-Gesprächs mit Christian Pfeil ein Live-Kunstwerk. Abgeschlossen wurde der Eröffnungsabend mit einem Konzert.

Eröffnungsveranstaltung: Emanuel Barrica erstellt Live-Kunstwerk von Christian Pfeil ©Jarosław Praszkiewicz

Viele Positionen – ein gemeinsames Ziel

Am 1. August 2024, dem Tagungstag, trafen internationale und renommierte Redner:innen und Expert:innen aus den Bereichen Bildung, Geschichte und Kultur aufeinander und tauschten ihre Perspektiven aus. Sie alle betonten die Notwendigkeit der Weitergabe von Erinnerungen an die Jugend als Träger des gesellschaftlichen Wandels. Besonders hervorgehoben wurde die Verantwortung der älteren Generation, ihre Erlebnisse, ihre Erfahrungen und ihr Wissen zu teilen, um gemeinsam eine positive Zukunft zu gestalten.

Die Konferenz bot eine Plattform für den interkulturellen Dialog und legte den Grundstein für zukünftige Kooperationen in der Jugendarbeit. Sie unterstrich die Notwendigkeit von Erinnerungsinstitutionen für die politische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust.

Empfang nach der Veranstaltung, ©Jarosław Praszkiewicz

Erinnerungsorte und Museen als kollektive Gedächtnisse

Zahlreiche Redner:innen der Konferenz betonten, dass Erinnerungsorte wie Gedenkstätten, Museen und Archive als Hüter der Zeitzeugenschaft fungieren. Diese Institutionen sorgen dafür, dass die Erfahrungen der Überlebenden, ihre Erzählungen und Mahnungen nicht in Vergessenheit geraten. Gerade vor dem Hintergrund wichtiger Gedenkanlässe wie dem Holocaust-Gedenktag am 27. Januar oder dem 2. August spielen sie eine entscheidende Rolle in der Aufrechterhaltung des kollektiven Gedächtnisses.

Die politische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust müsse, so der Tenor der Redner:innen, in diesen Institutionen verstärkt Raum finden. Diese Räume seien für die Reflexion, das Lernen aus der Geschichte für die gegenwärtige und zukünftige Gesellschaft unerlässlich. Es sei ein Grundpfeiler der demokratischen Auseinandersetzung. Insbesondere Zeitzeug:innenberichte müssen nicht nur dokumentiert, sondern in einem breiteren historischen und politischen Kontext präsentiert werden, um das Bewusstsein für die Gefahren von Hass, Rassismus und Antisemitismus zu schärfen.

Hinweise auf die Geschichte geben die Ausstellungen im Vorraum der Konferenz © Łukasz Gągulski

Zeitzeug:innenschaft

Raymond Gurême war ein solcher Zeitzeuge: Er überlebte die Gräuel des Nationalsozialismus und wurde bis ins hohe Alter nicht müde, jungen Menschen von seinen Erlebnissen zu berichten: Geboren 1925 in Frankreich, war Gurême als Manush – als Angehöriger der Minderheit der Sinti und Roma – unter der nationalsozialistischen Herrschaft brutal verfolgt worden. Im Alter von fünfzehn Jahren wurde er während des Zweiten Weltkriegs in ein französisches Internierungslager gebracht und später nach Deutschland deportiert. Trotz schwerster Bedingungen gelang ihm mehrmals die Flucht.

Nach dem Krieg widmete Raymond Gurême sein Leben dem Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung. Bis ins hohe Alter hielt er Vorträge an Schulen und bei Gedenkveranstaltungen, um seine Geschichte zu erzählen und die jüngeren Generationen vor den Gefahren von Intoleranz und Hass zu warnen. Gurême war nicht nur ein Zeitzeuge, sondern auch ein unermüdlicher Aktivist für die Rechte der Sinti und Roma. Seine Lebensgeschichte ist ein eindrucksvolles Beispiel für das Leid, das durch den Nationalsozialismus verursacht wurde – und dient als Mahnung, die Erinnerung an diese dunkle Zeit lebendig zu halten. Raymond Gurême starb 2020 im Alter von 94 Jahren.

„Vergessen ist gefährlich. Wenn wir aufhören, uns zu erinnern, kann sich die Geschichte wiederholen."
Raymond Gurême

Bedeutung der Tagung für das Projekt

Die Tagung entsprach damit den Zielen und Werten des Projekts „Das vergessene Gedächtnis“, denn auch wir sind uns der Notwendigkeit, die Geschichte von im Nationalsozialismus verfolgten Minderheiten verstärkt museal zu sammeln, bewusst und nehmen diese Herausforderung an.

Es ist unsere Aufgabe, daran mitzuwirken, das historische Bewusstsein und das kollektive Gedächtnis unserer Gesellschaft zu erweitern. Bislang wurden viele der Geschichten von Holocaust-Überlebenden aus der Minderheit und ihren Nachkommen in der breiten Öffentlichkeit nur unzureichend dokumentiert und vermittelt. Institutionen wie das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg, die sich dieser Aufgabe widmen, tragen dazu bei, das Verständnis für das Ausmaß der Verfolgung und das Leiden von Sinti und Roma und anderen Opfergruppen zu vertiefen.

Die mörderischen Auswirkungen von Rassismus in nahezu allen Lebenswirklichkeiten zu dokumentieren und diese öffentlich zu machen, betrachten wir als einen Grundpfeiler unserer Projektarbeit. Ganz im Sinne unseres Fördermittelgebers, der Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft (EVZ) nehmen wir diese Aufgabe an.

Ausstellung Roma Heroes of Resistance von Emanuel Barrica. Erinnern muss selbstbestimmt sein © Łukasz Gągulski

Die Konferenz hat „Das vergessene Gedächtnis“ bestärkt.

Uns ist es besonders wichtig, Zeitzeug:inneninterviews als selbstbestimmte Zeugnisse zu sammeln und ihnen so einen Platz innerhalb der Erinnerungsbildung einräumen. Denn diese Interviews bieten den Betroffenen die Möglichkeit, ihre Geschichten aus ihrer eigenen Perspektive zu erzählen, frei von fremdbestimmten Interpretationen – manchmal anders, als sie bisher erzählt wurden. Wenn solche Erzählungen in Institutionen, die von den jeweiligen Minderheiten selbst getragen, gesammelt und aufbewahrt werden, entsteht ein authentisches und vielfältiges Bild der Vergangenheit. Institutionen wie das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma bieten einen sicheren und respektvollen Raum, in dem die Betroffenen ihre Erfahrungen teilen können, was nicht nur zur Bewahrung der Geschichte, sondern auch zur Stärkung der Identität und des Gemeinschaftsgefühls beiträgt.

Sammeln für das Bewusstsein

Museale Sammlungen tragen dazu bei, das Bewusstsein in der breiten Bevölkerung zu schärfen und gegen das Vergessen anzukämpfen. Die Einbindung von Minderheitenperspektiven in die museale Landschaft ist daher nicht nur eine Frage der historischen Gerechtigkeit, sondern auch ein wichtiger Beitrag zur Förderung von Toleranz und Vielfalt in der Gesellschaft.

„Wenn man sich nicht an die Vergangenheit erinnert, ist man dazu verdammt, sie zu wiederholen. Darum ist die Erinnerung so wichtig: um gegen das Vergessen zu kämpfen und künftigen Generationen eine bessere Welt zu hinterlassen.“
Władysław Bartoszewski, 2005 zum 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz
Konferenz – internationale Diskussionen um das Erinnern. Volker Türk, Mehment Daimagüler, Zeljko Jovanovic, Szabolcs Schmidt, Rita Izák-Ndiaye © Jarosław Praszkiewicz