„Stets bei sich zu führen“: Rassistische Ausweispapiere in der NS-Zeit
Felix Hahn hat zu unseren Objekten, die Heinrich und Amalie Birkenfelder gehörten, recherchiert
Bei den vorliegenden Objekten handelt es sich um zwei "Rasse"ausweise aus dem Jahr 1940. Sie gehörten gezwungenermaßen dem Ehepaar Amalie und Heinrich Birkenfelder und sind jetzt ein Teil des Sammlungsprojektes „Das vergessene Gedächtnis“.
Die Bescheinigungen des Reichskriminalpolizeiamts in Berlin klassifizierten das Ehepaar in rassistischer Weise. Die darunter liegende Anmerkung „Diese Bescheinigung hat der Inhaber stets bei sich zu führen“ liefert einen Hinweis, auf die damalige Bedeutsamkeit des Dokumentes für die Nationalsozialisten.
Die roten, aufgestempelten Registrationsnummern „2326“ und „2325“ ordnen dem Ehepaar jeweils eine Ziffer zu, die im Verlauf der nationalsozialistischen Deportationen dazu dienen soll, Amalie und Heinrich Birkenfelder eindeutig zu identifizieren und ihre schreckliche Reise durch das System der Verfolgung und Vernichtung zu dokumentieren.
Unterzeichnet ist das Papier von einem Mitarbeiter des Exekutivorgans „Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerwesens“, Josef Eichberger. Eichberger war unteranderem für die Deportationen von Sinti und Roma aus drei Sammelpunkten, darunter auch Hohenasperg, verantwortlich, denen auch Heinrich und Amalie Birkenfelder zum Opfer fielen.Auf der Rückseite des Ausweises gibt es neben einem Passbild der betroffenen Personen einen Verweis auf das Evaluationsdatum, das von der lokalen Kriminalpolizeibehörde in Stuttgart beglaubigt wurde.
Die beiden „Rasseausweise“ wurden im Sammellager Hohenasperg ausgestellt, kurz bevor die dort inhaftierten Sinti und Roma in das „Generalgouvernement“ deportiert wurden.
Die Totale Erfassung
Die dargestellten Rasseausweise sind das Produkt der pseudowissenschaftlichen Rasseforschung der Nationalsozialisten, die seit 1936 systematisch betrieben wurde.
In diesem Jahr wurde in Berlin im Reichsinnenministerium die „Rassenhygienische Forschungsstelle“ unter der Leitung von Dr. Robert Ritter eingerichtet. Ab Dezember 1938 beauftragte der Chef der Deutschen Polizei im Reichsministerium des Inneren, Heinrich Himmler, Sinti und Roma im ganzen Reich erfassen zu lassen.
In einer Anweisung des Reichskriminalpolizeiamtes vom 1. März 1939 heißt es:
„Ziel der staatlichen Maßnahmen zur Wahrung der Einheit der deutschen Volksgemeinschaft [muß] sein einmal die rassische Absonderung des Zigeunertums vom deutschen Volkstum […]. Wenn einwandfrei feststeht, wieviel Zigeuner es im Reichsgebiet gibt, können weitere Maßnahmen ergriffen werden“.
Mit der lokalen Unterstützung staatlicher und kirchlicher Stellen wurden genealogische und anthropologische Untersuchungen an Sinti und Roma durchgeführt. Sie zwangen Menschen neben der Preisgabe ihrer Verwandtschaftsverhältnisse, sich intimen Untersuchungen an ihren Körper zu unterziehen. Tausende von Fotos und Akten sollten die pseudowissenschaftlichen Theorien der „Rasseforscher“ untermauern. In enger Zusammenarbeit mit dem „Reichssicherheitshauptamt“ erstellten Ritter und seine Mitarbeiter mit Hilfe detaillierter Stammbäume nahezu 24.000 „Rassegutachten“ von Sinti und Roma. Auf Basis dieser „Rassegutachten“ erhielten Sinti und Roma ab dem März 1939 besondere „Rasseausweise“, wie sie bei den dargestellten Objekten zu sehen sind. Ihre eigentlichen Pässe wurden anstelle dessen einbehalten. Später wurde in den deutsch besetzten Gebieten schrittweise entsprechende Verordnungen etabliert und ausgeweitet. Beispielsweise wurde neben der allgemeinen Pflicht von „Rasseausweisen“ in Serbien die Pflicht zum Tragen von Armbinden erlassen.
Die „Rasseausweise“ dienten neben den anderen zahlreichen Kennzeichnungen als Voraussetzung für die Deportationen und die Vernichtung von europäischen Sinti und Roma. So schrieb der Mitarbeiter der „Rassenhygienischen Forschungsstelle“ Adolf Würth im August 1938:
„Die Zigeunerfrage ist für uns heute eine Rassenfrage. […] Der Anfang ist ja schon gemacht. […] Die rassenbiologische Zigeunerforschung ist die unbedingte Voraussetzung für eine endgültige Lösung der Zigeunerfrage.“
Die Familie Birkenfelder – erfasst und deportiert
Heinrich Birkenfelder wurde in Ladenburg am Neckar geboren und war ein deutscher Sinto. Er heiratete Amalie Birkenfelder, eine geborene Dörr, die aus dem Saarland stammte und eine deutsche Sintezza war. Sie führten gemeinsam einen Handel mit Textilien und lebten bis zu ihrer Deportation in Ludwigshafen am Rhein. Mitte der dreißiger Jahre musste das Ehepaar ihr Gewerbe aufgeben, weil Heinrich zur Zwangsarbeit in der Badischen Anilin- & Soda-Fabrik BASF verpflichtet wurde.
Im Jahre 1940 änderte sich dann alles für die Familie.
Nachdem Heinrich und Amalie Birkenfelder im Mai 1940 zunächst aufgrund ihrer Abstammung einen „Rasseausweis“ erhielten, wurden sie nur wenige Tage später zusammen mit ihren Kindern Senta, Sonja, Max und Marianne nach Polen in das Konzentrationslager Radom deportiert. Dort kam ein fünftes Kind zur Welt, welches dort aufgrund der unmenschlichen Lebensbedingungen starb.
In welchen weiteren Lagern die Familie Birkenfelder darüber hinaus deportiert worden war, ist bis heute nicht genau geklärt.
Nach dem Krieg und der Flucht aus Radom wurde die Familie zunächst vom Großvater im Pfaffengrund aufgenommen. Dort lebten sie bis ca. Anfang der 1950-er Jahre.
Die dargestellten „Rasseausweise“ und viele weitere Objekte wurden dem Projekt „Das vergessene Gedächtnis“ von ihrem Sohn Max Birkenfelder dankenswerterweise zur Verfügung gestellt. Das weitere Leben von Max Birkenfelder und seine Erfahrungen mit Ausgrenzung werden in der Dauerausstellung des Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg dargestellt. Online findet ihr zahlreiche Dokumente und Fotos hier.
Rasseausweise als museales Objekt
Die auf den „Rasseausweisen“ vermerkten persönlichen Daten waren entscheidend für die Aufarbeitung und das Erinnern an die deportierten und ermordeten Sinti und Roma im Zuge des Holocaust.
Durch die angegebenen Namen und Registrierungsnummern gelang es vielen Menschen, ihre verschollenen Angehörigen wiederzufinden. Damit stellt die Karte ein wichtiges Objekt in der Verfolgungsgeschichte von Opfergruppen des Nationalsozialismus dar.
Die Exponate sind für die Betroffenen des Nationalsozialismus eines der wenigen Zeugnisse, die eindrucksvoll an die grausamen Vergehen erinnern. Die dargestellten Rasseausweise dienen damit nicht nur als Abbild der Vergangenheit, sondern auch als Mahnmal für die Gegenwart und Zukunft von Sinti und Roma.
Literatur:
Bajohr, Frank & Steinbacher, Sybille (Hrsg.): Eichmann und der Holocaust. Ein Überblick, Berlin 2023.
Brucker – Boroujerdi, Ute: Die Rassenhygienische und Erbbiologische Forschungsstelle im Reichsgesundheitsamt. In: Bundesgesundheitsblatt 32 (Sonderheft März 1989). Inventar archivalischer Quellen des NS – Staates, München 1991.
Hohmann, Joachim S.: Robert Ritter und die Erben der Kriminalbiologie. „Zigeunerforschung“ im Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 1991.
Rose, Romani (Hrsg.): „Den Rauch hatten wir täglich vor Augen“. Der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma (Katalog zur ständigen Ausstellung im Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma), Heidelberg 1999.
Zimmermann, Michael: „Mit Weigerung würde also nichts erreicht“ – Robert Ritter und die Rassenhygienische Forschungsstelle. In: Gerhard Hirschfeld & Tobias Jersak (Hrsg.): Karrieren im Nationalsozialismus. Funktionseliten zwischen Mitwirkung und Distanz. Frankfurt a. M./New York 2004.
Zum Autor des Beitrags
Felix Hahn studiert Geschichte und Germanistik an der Universität Heidelberg und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim EVZ - Projekt "Das vergessene Gedächtnis".
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