Zeitzeugen – selbstbestimmt und zentral für das Projekt „Das vergessene Gedächtnis“
Welche Rolle spielen Zeitzeugen in unserem Sammlungsvorhaben? Diese Frage sucht der Artikel zu beantworten.
Zeitzeugen sind für die Geschichtsvermittlung immer wichtiger geworden – medial sind Menschen, die ihre Erlebnisse während historischer Situationen schildern, schon lange präsent. In unserem Sammlungsvorhaben spielen sie sogar eine Hauptrolle. Die von uns befragten Zeitzeugen eint, dass sie Überlebende des Holocaust sind – oder deren Nachfahren. Alle wollen die Erinnerung an das, was geschehen ist, bewahren.
In den Videointerviews, die unser Team aufgenommen hat, erzählen die Befragten frei, betonen, was ihnen wichtig ist zu sagen, sparen aus, was nicht berichtet werden soll. Zahlreiche Interviews lassen sich auf unserer Webpage nachhören, in der bis Ende September noch laufenden Ausstellung ansehen oder im Youtube-Kanal des Dokumentations- und Kulturzentrums aufrufen.
Sofort springt die Vielfalt der Biografien ins Auge. Viele „unserer“ Zeitzeugen erzählen neben Schrecken und Verfolgung auch davon, wie sie sich ein neues Leben nach dem Überleben aufbauten, zur Kunst und Kultur Europas beitrugen. Welche Rolle kommt ihnen für unser Sammlungsvorhaben zu? Hierzu möchten wir im Folgenden einige Überlegungen teilen.
Erst in jüngerer Zeit hat sich die Forschung mit dieser Frage – der Rolle von Zeitzeugen für Gedenkstätten – näher beschäftigt (vgl. u.a. Sabrow/Frei 2012; Vogels/Schmidt/Krämer 2014; Zürndorf 2014). Auch die Figur des Zeitzeugen ist jüngeren Datums – mit Wurzeln, die weit zurückreichen.
Woher kommt der Begriff „Zeitzeuge“?
Der Begriff „Zeitzeuge“ wird erst seit den 1970er-Jahren verstärkt genutzt – und gewinnt immer mehr Bedeutung und Verbreitung seither. Begrifflich ist der „Zeitzeuge“ eine Neuschöpfung (vgl. Ernst/Schwarz 2012). Weitaus älter ist die Figur des Zeugen – sie lässt sich bis zum „ungläubigen Thomas“ der Bibel zurückführen, eine Figur, auf die auch Schmidt/Voges in ihrer grundlegenden Studie zur „Politik der Zeugenschaft“ verweisen (Schmidt/Voges 2014).
Das Bezeugen und Zeugnis Ablegen ist eine Form des Wissens, dessen Wahrheitsgehalt zunächst unklar ist, denn „Zuverlässigkeit, Gültigkeit und Wertigkeit des Zeugnisses können nicht vorausgesetzt werden“ (Ernst/Schwarz 2012: 26). Wichtig ist in der Figur des Zeugen also immer bereits, dass seinen Aussagen auch geglaubt wird. Etymologisch und historisch ist die Zeugenschaft eng mit dem Recht verknüpft – dem „vor Gericht ziehen“ (ebd.: 12) – der Zeuge genießt ein gewisses Ethos.
Aleida Assmann hat verschiedene Funktionen der Zeugenschaft ausgemacht (vgl. Assmann 2007) und dabei auch auf die Unterschiede zwischen dem juridischen Zeugen und dem religiösen Zeugen verwiesen, deren Zeugnis gesellschaftlich verschiedene Funktionen zukommt. Der historische Zeuge hat seine Wurzeln in der Figur des Boten aus der Antike, der als Zeuge eines Ereignisses, womöglich auch als Überlebender, seine Nachricht überbringt. Mit den Verbrechen der NS-Zeit entsteht ihrer Ansicht nach ein vierte Zeugen-Typus, der „moralische Zeuge“, der die Toten beklagt und an sie erinnert. Ernst/Schwarz (2012: 27) verweisen auf Assmann und betonen, dass es die konkrete Geschichte ist, die Konturen der Zeitzeugenschaft erst sichtbar macht: Zeitzeugen sind immer an die Lebenszeit, an die Jetztzeit, gebunden, denn: „keine Zeitgeschichte ohne Zeitzeugen“ (ebd.).
Gegenerzählungen zu Täternarrativen
Die sprachgeschichtlichen Wurzeln des Begriffs „Zeitzeuge“ konkretisierten sich in der europäischen Nachkriegszeit, als es im Angesicht von Terror und Holocaust besonders wichtig wurde, wem geglaubt wird und wer Zeugnis ablegen kann. Liest man die Berichte Überlebender, findet man immer wieder das Motiv, dass die Hoffnung, später Zeugnis abzulegen, diesen unter schwersten Bedingungen Halt gab.
Schon ab 1942 hatten die Nazis vereinzelt begonnen, Beweise zu vernichten, und die Leugnung des Holocaust setzte bereits unmittelbar nach 1945 ein. So entsprang die Figur des Zeitzeugen, letztlich des Zeugen historisch auch dem Versuch, eine „Gegenerzählung zu den schriftlichen Hinterlassenschaften der Nationalsozialisten“ zu bilden (Zürndorf 2014: 164; vgl. auch Sabrow/Frei 2012). In der Geschichtswissenschaft hatte man tatsächlich nach 1945 auf diese zurückgegriffen und gleichzeitig dazu tendiert, Zeitzeugen unter den Opfern auszuschließen und ihr Wissen infrage zu stellen (vgl. Ernst/Schwarz 2012).
Nach und nach setzte ein gewisser Wandel ein, der es möglich machte, unter „Zeitzeugen“ gerade auch diejenigen zu verstehen, die für die Opfer des NS sprechen konnten – wobei der Begriff nach wie vor weit gefasst ist. Gerade viele Sinti und Roma machten unmittelbar nach Ende des „Dritten Reichs“ die Erfahrung, dass ihrem Erleben nicht geglaubt wurde, sie vor Gericht diskriminiert oder als unglaubwürdig diffamiert wurden – trotz aller erdrückenden Beweise, die vorlagen. Ein drastisches und weitreichendes Beispiel hierfür ist das skandalöse BGH-Urteil von 1956, das indirekt die Täterperspektive reproduzierte. Die Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma unter Romani Rose hat verstärkt seit den siebziger Jahren für Aufarbeitung und eine eigene Stimme gekämpft.
Als erster Holocaust-Überlebender aus der Minderheit hat 2011 Zoni Weisz im Bundestag an Auschwitz erinnert. Mittlerweile sind Überlebende wie Christian Pfeil, der vor einiger Zeit als Redner vor der UN sprach, aus der internationalen Erinnerungskultur nicht mehr wegzudenken. Diese selbst hat sich gewandelt, auch durch die zunehmende Integration von „Oral History“, die zunächst als eine Art „Gegenerzähung“ oder „Geschichte von unten“ gedacht war (vgl. erneut Ernst/Schwarz 2012: 30).
Unser Projekt rückt dezidiert die Zeitzeugen aus der Minderheit in den Mittelpunkt, die von der NS-Gewaltgeschichte und deren – mangelnden Aufarbeitung – aus ihrer jeweiligen subjektiven Perspektive berichten.
Empathie und Selbstbestimmung
Nicht über Sinti und Roma soll gesprochen werden, sondern Angehörige der Minderheit erzählen selbst, berichten ihre Sicht auf die Geschichte. Gespräche mit Zeitzeugen in unserem Sammlungsvorhaben tragen für uns in einem ersten Schritt oft dazu bei, Informationen, die uns Stifter und Stifterinnen von Objekten zu diesen geben wollen, zu erhalten. Zeitzeugen bereichern unsere Sammlung mit Alltagsgegenständen, Dokumenten, Briefen, Möbeln. Gleichzeitig schaffen sie aber auch, gemeinsam mit unser Videoredaktion, durch die Erzählung ihrer Geschichten und Biografien im Video audiovisuelle Objekte, die mit den Gegenständen in eine Beziehung treten, deren Bedeutung nicht nur erläutern, sondern ihnen auch einen neuen Wert, eine neue Rolle zuweisen können. Schließlich stehen die Interviews aber auch für sich selbst, können auch ohne dass museale Objekte dazu bei uns vorhanden sind, Ausweis geben über Geschichte und Kultur von Sinti und Roma in Europa -- eine Sichtweise, eine Perspektive, die derzeit noch nicht nur in deutschen Museen weitestgehend fehlt.
Mit ihrer spezifischen Ausrichtung und in der Freiheit, die wir den Zeitzeugen für die Videos einräumen, die nicht nach vorgefertigtem Fragekatalog ablaufen, bieten diese Rezipientinnen und Rezipienten die Möglichkeit der Empathie und Identifikation.
Als Zeitzeuge hat der kürzlich verstorbene Opernsänger Mirano Cavaljeti-Richter geschildert, wie seine Familie vor den Nazis durch halb Europa fliehen musste. Neben vielen anderen bewegenden Szenen sprach er dabei auch davon, wie er als Kind nach Monaten der Trennung seine Mutter wiedersieht.
„Ich war traurig und hab geweint. Und sie hat auch geweint und dann haben wir uns umarmt. … Die Freude war riesengroß!“
Zeitzeugen erlauben es uns, indem sie ihre persönliche Geschichte teilen, dass wir Empathie entwickeln können, uns in ihre Perspektive versetzten. Dass wir uns vielleicht sogar ein Stück weit mit ihnen identifizieren, auch wenn wir selbst ganz andere Biografien haben. Mündlich erzählter Geschichte, wie im Fall der Videointerviews, kommt noch einmal eine besondere Bedeutung zu, kann den Rezipienten unmittelbar erreichen.
Objekte, die wir in unserer Ausstellung zeigen, werden durch Zeitzeugen gleichsam authentifiziert – und umgekehrt (vgl. erneut Zürndorf 2014). Gleichzeitig erhalten die Dinge einen emotionalen Gehalt: So können wir als Besucherinnen und Besucher etwa ganz anders ermessen, welche Leistung hinter der Single-Schallplatte und dem eleganten Opernfrack steckt, die uns Mirano Cavaljeti-Richter übergeben hat für unsere Sammlung: Hier hat sich ein Mensch, der brutale Verfolgung erlitten hat, trotz dieser Erlebnisse eine künstlerische Karriere aufgebaut. Seine Erzählung und die museal gezeigten Dinge interagieren miteinander, treten in Korrespondenz, und die Zeitzeugenschaft fügt dem Gezeigten eine neue Ebene hinzu.
In ihrer wissenschaftlichen Arbeit geht es den Beschäftigten im Projekt „Das vergessene Gedächtnis“ darum, die Erlebnisse der Zeitzeugen zu kontextualisieren, ohne diesen ihren Eigengehalt zu nehmen.
Es soll ein „selbstbestimmtes Narrativ“ entstehen, so Projektleiterin Vera Tönsfeldt.
In ihren freien Erzählungen des Erlebten erweitern Zeitzeugen auch den Horizont dessen, was bezeugt wird: Wenn wir den Zeitzeugen zuhören, erfahren wir auch, dass die Nachgeschichte der NS-Zeit in eine zweite Verfolgung mündete, die ebenfalls erzählt, bezeugt und weitergegeben werden muss. So schildert der österreichische Künstler Alfred Ullrich es als seine Motivation und sein Anliegen, „das gegenwärtige Verhältnis der Mehrheitsgesellschaft zur Gesellschaft der Sinti und Roma offenzulegen“. Zu seinem Beitrag gehören mehrere Kunstwerke, die er uns überantwortet hat und die durch seine Worte im Interview neue Bedeutungsdimensionen erfahren. Zeitzeugen in unserem Projekt verbinden damit immer auch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
- Assmann, Aleida: Vier Grundtypen von Zeugenschaft, in: Fritz Bauer Institut (Hrsg.): Zeugenschaft des Holocaust. Zwischen Trauma, Tradierung und Ermittlung. Frankfurt/New York 2007, S. 33-51.
- Martin Sabrow/Norbert Frei (Hrsg.): Die Geburt des Zeitzeugen nach 1945 [Geschichte der Gegenwart, Bd. 4; Beiträge zur Geschichte des 20. Jahrhunderts, Bd. 14], Göttingen 2012.
- Zürndorf, Irmgard: Zeitzeugen im Museum. Funktion und Bedeutung, in: Frank Bösch/Martin Sabrow (Hrsg.): ZeitRäume, 2014.
- Christian Ernst/Peter Paul Schwarz: Zeitzeugenschaft im Wandel. Entwicklungslinien eines (zeit)geschichtskulturellen Paradigmas in Kontexten von „NS-Vergangenheitsbewältigung“ und „DDR-Aufarbeitung“, in: BIOS – Zeitschrift für Biographieforschung, Oral History und Lebensverlaufsanalysen, Jg. 25 (2012), Heft 1, S. 25–49.
- Ramon Voges/Sibylle Schmidt/Sybille Krämer: Politik der Zeugenschaft. Zur Kritik einer Wissenspraxis, Bielefeld 2014.