Besticktes Tuch Kunstwerk, Argentina Calin. Wandteppich mit blauem Pfau

Tücher sticken im kommunistischen Alltag

Von einem Wandteppich mit blauem Pfau zur Frage: Wie lebten Sinti und Roma im Ostblock?

Veröffentlicht von Redaktion

„Pfau des Waldes – sage mir, wen ich vermisse“ lautet die Inschrift des Wandteppichs mit roten Blumen und blauem Pfau, den Argentina Calin uns überlassen hat. Ihr Enkel hat den Kontakt zum Projektteam hergestellt und seine Großmutter für uns über ihr Leben befragt. Argentina Calin ist in Südrumänien geboren. Ihre Kindheit war geprägt von Armut. Für die Romni, die jung schon traditionelle Handarbeitstechniken erlernt hatte, bot das gemeinschaftliche Arbeiten mit anderen Frauen Freude und Entspannung in einem harten Alltag unter kommunistischer Herrschaft.

Wie aber war das genau mit dem Kommunismus, der einst ein Weltreich umspannte und der Situation von Sinti und Roma in seinem Herrschaftsbereich? Im Vorbildstaat der späteren kommunistischen Regime, der Sowjetunion, war die Haltung gegenüber der Minderheit ambivalent, schwankend zwischen Zugeständnissen und Unterdrückung. Josef Stalin selbst war übrigens bereits nach der Oktoberrevolution 1917 der erste Inhaber des neu geschaffenen Amts für Nationalitätenfragen, dieses erklärte die „Rechte der Völker Rußlands“. Klasse war die Leitkategorie der Bewertung der Zugehörigkeit zum neuen Staat, nicht „Ethnie“, „Nation“ oder „Rasse“. Theoretisch zumindest.

Im Kommunismus sah man Sinti und Roma daher zunächst eher als Opfer einer vorsozialistischen Verfolgung an. Grundlegendes Ziel war allerdings „Assimilation“ an die neue sozialistische Gesellschaft. Innerhalb dieses Rahmens gab es in einigen Staaten des sozialistischen Weltreichs gewisse Möglichkeiten etwa der Sprachautonomie oder der Ausübung der eigenen Kultur. Oft wird in diesem Zusammenhang das berühmte „Romen“-Theater angeführt, das 1931 in Moskau gegründet wurde und bis heute besteht.

Foto Romen Theater, 1931
Romen Theater, 1931, New York Public Lib

Doch führt dieses Bild allerdings etwas in die Irre – die Förderung einer eigenständigen Kultur, gar kulturelle Autonomie, blieb im Kommunismus für Sinti und Roma eher eine Ausnahmeerscheinung. Es gab allerdings wesentliche Unterschiede in den Politiken gegenüber Sinti und Roma zwischen 1945 und dem Ende der Sowjetunion 1989/90. Die jeweiligen Politiken der Staaten hingen auch davon ab, wie man die Minderheit klassifizierte, dies schwankte zwischen einer sozialen Definition und einer Zuordnung zu einem „Volk“ wie in Ex-Jugoslawien. Es gab zunächst keinen grundlegenden Ausschluss, wie das etwa in damals faschistischen Staaten oder gar im NS der Fall war.

In Osteuropa, das nach 1945 sukzessive von Josef Stalin oktroyiert wurde, lebten noch im Jahr 1980 schätzungsweise die Hälfte der Sinti und Roma in Europa. Demgegenüber gab es etwa in Bulgarien offiziell nur eine „Nation“, andere kulturelle Identitäten waren bis 1989/90 nicht existent.

Rumänien war in vielfacher Hinsicht ein Sonderfall im ehemaligen Ostblock. Es handelte sich dabei um ein ehemals stark agrarisch geprägtes Land ohne kommunistische Tradition. Die Roma-Bevölkerung hatte im Königreich Rumänien eine eigene Interessensvertretung, die Roma-Union, deren Vorsitzender der Unternehmer Gheorghe Niculescu war, es gab seit 1934 ein sporadisch erscheinendes Publikationsorgan, die „Stimme der Roma“, das sich als königsloyal verstand und versuchte, den Beitrag der Roma zum bestehenden Staat zu unterstreichen, dabei aber auch zur Emanzipation aufzurufen oder sich auf eigene kulturelle Bräuche und Wurzeln zu besinnen.

„Roma-Brüder, die Stunde der Emanzipation und der Wiederbelebung der Roma-Nation ist geschlagen. (...) Wir wurden dem Schicksal überlassen, so wie ein Boot den stürmischen Wellen des Meeres ausgeliefert ist, von Welle zu Welle, von Thalaz zu Thalas, ohne jede Unterstützung, ohne Hilfe, ohne Ziel“

aus der Zeitung „Stimme der Roma“

Waren die offiziellen Politiken der Monarchie schon schwankend gewesen zwischen Verfolgung und Zugeständnissen, kam es unter dem Antonescu-Regime ab 1940 zu massiver Verfolgung, die auch auf den „Rasse“theorien““ u.a. von Iordache Făcăoaru beruhten. Ab 1941 verfolgte der seit 1940 regierende Diktator Ion Antonescus das Programm einer ethnischen Säuberung: Roma wurden ab 1942 registriert und klassifiziert, insgesamt bis zu 30.000 Menschen nach Transnistrien deportiert, viele von ihnen starben aufgrund der schlechten Lebensbedingungen dort.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs etablierte sich sukzessive eine besonders autoritäre Spielart der kommunistischen Herrschaft. Zunächst brachte diese aber eine offizielle Abwendung von offener Diskriminierung. In den offiziellen Dokumenten, in denen es um nationale Minderheiten geht, tauchen Sinti und Roma etwa 1948 nicht auf. Im Jahr 1949 wurde der Verband der Minderheit verboten. Es gab bis 1989 keinerlei Repräsentation im rumänischen kommunistischen Staat – auch nicht seit den 1960er-Jahren, als anderen Minderheiten wie Deutschen und Ungarn einige Rechte zugestanden wurden. Demgegenüber gab es allerdings innerhalb des Parteiapparats selbst einige Angehörige der Minderheit, die hier Positionen bekleideten. Einige stellten in rumänischen Dörfern in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg den Bürgermeister. Im kommunistischen Staat war die Förderung des Hintergrunds von Personen, die aus ärmeren sozialen Verhältnissen kamen, ein politisches Anliegen, „ethnische“ Herkünfte spielten dabei keine Rolle. Spezifische „Integrations“-maßnahmen wie in Ungarn, der Tschechoslowakei und Jugoslawien gab es lange nicht, was aber auch bedeutete, dass Menschen aus der Minderheit, was etwa Arbeit und Wohnen betraf, allein gelassen wurden. Erst seit den 1970er-Jahren gab es Studien im Auftrag der regierenden Kommunisten, die sich mit der spezifischen Situation der Roma beschäftigten – und in Folge auch „Integrations“bestrebungen.

Bereits seit den 1960er-Jahren war es allerdings zu Zwangsmaßnahmen durch den rumänischen Staat gekommen, die auf Sesshaftmachung aller „nomadisch“ umherziehenden Personen zielten, ohne spezifisch gegen Sinti und Roma gerichtet zu sein. Meist kam es zu Neuansiedlungen in größeren Städten. Roma-Siedlungen wurden dabei auch ganz zerstört. In vielen hatten durch vorherige Diskriminierung zwar schwierige Bedingungen geherrscht, jedoch war dies vielfach auch das Ende von Gemeinschaft – auch das Ende etwa traditioneller Handarbeitstechniken, von denen der Wandteppich mit blauem Pfau zeugt. Es bedeutete auch den Verlust von Dingen, von Erinnerungen – zugleich, ambivalenter Weise, verbesserte sich für viele Sinti und Roma, die Lebenssituationen, da die neuen Wohnungen mehr Komfort boten.

Der spätere rumänische Diktator Nicolae Ceaușescu, der seit 1965 Generalsekretär der Kommunistischen Partei war, erprobte „eigene Wege“ zum Kommunismus. Anders als in der Tschechoslowakei im „Prager Frühling“ bestanden diese in einer besonders drastischen Unterdrückung der eigenen Bevölkerung. Eine traurige Besonderheit war die Biopolitik, der Versuch, die Zahl der rumänischen Bevölkerung zu erhöhen, was das Verbot von Verhütungsmitteln und ein drastisches Abtreibungsverbot nach sich zog – in der kommunistischen Sphäre ein Novum. Gegenüber Roma-Familien bestand seit den 1960er-Jahren eine gegenteilige Politik des Drucks der Geburtenreduktion: Familien mit mehr als fünf Kindern mussten damit rechnen, von staatlichen Vergünstigungen und Zuwendungen ausgeschlossen zu werden. Zur Zerstörung von Häusern wie in Ungarn oder Zwangssterilisierungen von Roma kam es in Rumänien, anders als in der Tschechoslowakei, nicht.

Über die Deportationen wurde allerdings in Rumänien geschwiegen. So bemerkte der Schriftsteller Richard Wagner in einem Interview:

„Viele Rumänen, die noch immer von der nationalkommunistischen Propaganda beeinflusst sind, weigern sich, diese Verbrechen zur Kenntnis zunehmen. Die Geschichtsklitterung Ceauşescus verfolgte den Zweck, die Rumänen als gütige Nation erscheinen zu lassen, die niemanden verfolgt und niemals Eroberungskriegegeführt hätte.“

Der Schriftsteller Richard Wagner in einem Interview

Richard Wagner beschreibt[1], dass seit den 1970er-Jahren sogar eine zunehmende Stigmatisierung von Roma in der rumänischen Gesellschaft zu beobachten war. Das betraf auch die Nischentätigkeiten, in die Roma gedrängt waren, wie den Kleinhandel, der teils drastisch bestraft wurde. In den 1980er-Jahren intensivierten sich Vorurteile auch aufgrund der ökonomisch schwierigen Situation im Land. Viele dieser Feindbilder und der negativen Stimmung überdauerten das Ende des Kommunismus – und zwangen etwa in den 1990er-Jahren viele Roma, über ein Verlassen Rumäniens nachzudenken.

Bis heute weiß man wenig über das Leben von Roma im kommunistischen Rumänien. Die politische Seite ist versperrt, viele Archive noch nicht erforscht, zudem waren viele Maßnahmen geheim gehalten worden. Das Tuch mit dem blauen Pfau erzählt uns eine andere Seite der Geschichte: Es berichtet von einer Gegenwelt des Zusammenhalts, von handwerklichen Fertigkeiten – und von Schönheit, die drastischen Lebensumständen abgerungen war.

[1] Der Schriftsteller Richard Wagner in einem Interview