Bild: Vitrine der Ausstellung „Das vergessene Gedächtnis“, © Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma

Ausgerissen. Ausgeschnitten. Aufgehoben. Zeitungsartikel als Objekte. Teil 1: Sammeln gegen das Vergessen – Zeitzeugen und ihre Archive

Zeitzeugen überlassen uns Presseberichte -- als "Beweise des Unrechts"? Erster Teil unserer Serie zu Zeitungsartikeln als Objekte

Veröffentlicht von Dr. Birgit Hofmann

„Allzu viele haben weggeschaut“. „Eine Kindheit in Auschwitz“. „Hamburger Ärzte vor Gericht“. „81-Jährige kämpft für die Aussöhnung“. So lauten einige der Überschriften der Zeitungsartikel, die aus ganz unterschiedlichen Presseerzeugnissen und Jahrzehnten stammen. Einige sind ausgerissen worden, wie unter Zeitdruck, andere sorgfältig ausgeschnitten. Sie sind Teil unserer Sammlung „Das vergessene Gedächtnis“ am Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg. Viele Ausschnitte haben tatsächlich Menschen aus der Minderheit selbst aufgehoben, einige davon Überlebende des Holocaust.

So zufällig die Zusammenschau zunächst wirken mag – die Texte haben meist einen ähnlichen Schwerpunkt: Vielfach geht es um die Aufarbeitung der NS-Zeit oder deren Ausbleiben. Welche Rolle spielen Zeitungsartikel als Objekte für das Projekt „Das vergessene Gedächtnis?“ Im ersten Teil unserer Blog-Serie geht es zunächst grundsätzlich um diese Frage. In den nächsten Teilen in den kommenden Wochen möchten wir den historischen Hintergrund zu einzelnen Artikeln, die nun ein Teil dieser Sammlung sind, herausgreifen und beleuchten.

„Diese Objekte sind für die Menschen ein wichtiger Beweis ihrer Erfahrungen und sind von hohem emotionalem Wert. Sie dienen als unabhängige Bestätigung für die Ereignisse.“

Projektleiterin Vera Tönsfeldt

Glauben und Bezeugen

Bis zur Anerkennung des Völkermords an Sinti und Roma durch den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt 1982 war die Geschichte der Aufarbeitung oftmals ein vergeblicher Kampf – der auch mit diesem Datum leider nicht endete (vgl. Lotto-Kutsche 2022; Gress 2021, 2022). Es fehlten die gesellschaftliche Akzeptanz und ein politisches Bekenntnis darüber, was geschehen war, es gab wenig öffentliches und medial verbreitetes Wissen über die Verbrechen. Menschen aus der Minderheit wurden selten entschädigt, im skandalösen BGH-Urteil von 1956 wurde gar ihre Verfolgung vor 1942 aus „rassischen“ Gründen verneint. Dort, wo Sinti und Roma als Zeugen in Prozessen gegen NS-Täter auftraten, wurden sie von der Öffentlichkeit und den Gerichten häufig zunächst als unglaubwürdig abgetan und gedemütigt.

Delegation unter Romani Rose mit Bundeskanzler Helmut Schmidt, März 1982 (c) Foto: Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma

Zeitungen sind nach wie vor Quellen hoher Glaubwürdigkeit: Was gedruckt ist, ist öffentlich, gilt als seriös. Journalisten berichteten über Prozesse gegen NS-Verbrecher, sie waren beteiligt an der Aufdeckung von Verdrängung und Vergessen und konnten im Zweifelsfall auch ein Korrektiv zu Recht und Politik bilden – sofern der Wille vorhanden war.

Doch es waren oft nur wenige Journalisten, die in diesem Sinne wirkten (vgl. Vollnhals/Osterloh 2021). Bis Ende der 1950er-Jahre war die Berichterstattung über NS-Verbrechen spärlich, und erst recht hinsichtlich der an Sinti und Roma begangenen Verbrechen. Dennoch war der Ulmer Einsatzgruppenprozess (vgl. grundlegend Müller/John 2008) ein erster Schritt der Konfrontation der Öffentlichkeit mit den Nazi-Verbrechen.

Mit den Frankfurter Auschwitz-Prozessen der 1960er-Jahre änderte sich diese Situation nochmals, die Gerichtsverfahren gegen Haupttäter des Nationalsozialismus hatten viel Publikum, zogen eine breite Berichterstattung auf sich und wurden auch von Bürgerinnen und Bürgern aus Frankfurt und der Bundesrepublik besucht (ebd.).

Allerdings blieben die Verbrechen an Sinti und Roma auch hier unterrepräsentiert (vgl. Opfermann 2023). Doch im Zuge der Ermittlungen kam es Ende der 1950er-Jahre zu ersten Ansätzen der Aufarbeitung. So rückten im Sammelverfahren zum sogenannten „Zigeunerkomplex“, so Ulrich Opfermann „mit der RHF und der Kripo die Hauptinstanzen, die die Verfolgung der Roma-Minderheit in Mitteleuropa in die Praxis umsetzten“ in den Fokus der Justiz (Opfermann 2023: 249). Viele Aspekte der Geschichte von Sinti und Roma im Holocaust wurden jedoch frühestens seit den 1980er-Jahren öffentlich thematisiert.


Artikel aus der Sammlung zum „Hamburger Ärzteprozess“, (c) Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma

Besondere Quellen

Für Historikerinnen und Historiker sind Zeitungsartikel eine wichtige Quelle, um Aufschluss über ein Geschehen und dessen öffentliche Wahrnehmung innerhalb eines bestimmten Zeitraums zu erlangen. Wenn Presseartikel von Zeitzeugen an Gedenkstätten übergeben werden, spielen sie noch eine andere, zusätzliche Rolle: Sie sind als Objekte von emotionalem Wert für ihre Sammler gewesen. Weil die Menschen das, was von der Zeitung aufgegriffen wurde, mit ihrem persönlichen Schicksal verknüpfen. Es handelt sich damit um „einmalige Quellenbestände“ (Knoch 2020: 193) von besonderem Wert.

Versammelt sind derzeit einige der Artikel in einer Vitrine der Sonderausstellung „Das vergessene Gedächtnis“ – als „Beweise des erlebten Unrechts“, so weist es das Schild über der Sammlung aus. In unserer Serie "Ausgerissen. Ausgeschnitten. Aufgehoben" stellen wir Ihnen in den folgenden Wochen einige der Objekte näher vor.

Literaturhinweise:

[1] Gress, Daniela: Nachgeholte Anerkennung. Sinti und Roma als Akteure in der bundesdeutschen Erinnerungskultur, in: Philipp Neumann-Thein/Daniel Schuch/Markus Wegewitz (Hg.): Organisiertes Gedächtnis. Kollektive Aktivitäten von Überlebenden der nationalsozialistischen Verbrechen, Göttingen 2022, S. 425-458.

[2] Knoch, Habbo: Geschichte in Gedenkstätten. Theorie – Praxis – Berufsfelder, Stuttgart 2020.

[3] Lotto-Kutsche, Sebastian: Der Völkermord an den Sinti und Roma und die Bundesrepublik. Der lange Weg zur Anerkennung 1949–1990, Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Bd. 125, Berlin/Boston 2022.

[4] Müller, Sabrina/Timo John: Die Mörder sind unter uns: Der Ulmer Einsatzgruppenprozess 1958. Hrsg.: Haus der Geschichte Baden-Württemberg und Stadthaus Ulm. Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Stuttgart 2008.

[5] Opfermann, Ulrich: „Stets korrekt und human“. Der Umgang der westdeutschen Justiz mit dem NS-Völkermord an den Sinti und Roma, Heidelberg 2023.

[6] Vollnhals, Clemens/Jörg Osterloh (Hrsg.): NS-Prozesse und deutsche Öffentlichkeit. Besatzungszeit, frühe Bundesrepublik und DDR, 2021.